War 4W: Was war. Was wird. Von Maßnahmen und neuen Grundgesetzen

War 4W: Was war. Was wird. Von Maßnahmen und neuen Grundgesetzen

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Ich bin kein Verehrer höherer Wesen oder ihrer Stellvertreter auf unserem kleinen Planeten. Dennoch muss ich den Mut bewundern, den Rabbi Charlie Cytron-Walker hatte, als er einen Stuhl auf den Geiselnehmer warf, der in der Synagoge von Colleywille vier Geiseln in seiner Gewalt hatte. Dem Glaubensmann half ein irdisches Sicherheitstraining, das speziell für jüdische Institutionen angeboten wird. Überdies verdient der Rabbi Bewunderung für die Beherrschung, die er zeigte, als ein FBI-Beamter vor der Presse allen Ernstes behauptete, dass die Geiselnahme in Texas nichts mit Antisemitismus zu tun habe. Die Geiselnahme in der Synagoge geschah, weil ein Brite eine Islamistin freipressen wollte. Die Beherrschung des Rabbis erinnerte an einen Text von Yair Rosenberg über die Bedeutung des Wortes Holocaust, in dem er Zahlen nannte (und über das Verhältnis zwischen Muslimen und Juden schrieb). Prompt wurde er von Lesern angegriffen, die den Holocaust leugneten. Während an diesem Wochenende die Lobeshymnen auf die filmische Umsetzung der Wannseekonferenz nicht abreißen, sei daran erinnert, dass die UN am Donnerstag eine gemeinsam von Israel und Deutschland verfasste Resolution gegen die Leugnung des Holocausts verabschiedete, von der sich nur der Iran distanzierte. Mit dem Punkt 5 der Resolution werden Social-Media-Firmen aufgefordert, aktive Maßnahmen zu ergreifen, um Antisemitismus, die Leugnung oder Verzerrung des Holocaust zu bekämpfen. Das betrifft nicht das Lachen nach der Shoa.

Dämonen, höhere Wesen, der Teufel selbst – Weihwasser hilft vielleicht. Nicht jedoch den Erdenbewohnern, die missbraucht durch eben jene, die sie eigentlich schützen sollten. Da verlässt sich die katholische Kirche besser auf Anwälte, die man fürstlich entlohnt – im Gegensatz zu den Opfern.

*** Eine andere Vereinigung von Verehrern höherer Wesen kämpft seit einigen Tagen mit einem tausendachthundertdreiundneunzigseitigen Gutachten (PDF-Datei) einer Münchener Anwaltskanzlei. Es untersucht den sexuellen “Missbrauch Minderjähriger und erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019” und wirkt jetzt schon als Brandbeschleuniger bei der Zahl der Kirchenaustritte. Der Kindermissbrauch in der Diözese des ehemaligen Münchner Erzbischofs Josef Ratzinger hat sogar einen Brennpunkt bekommen. Das liegt auch daran, dass Herr Ratzinger auf die Vorwürfe mit einem Papier antwortete, das “voller frommer Bestürzung und harter formaljuristischer Abwehr” der doch sehr konkreten Vorwürfe abgefasst ist. Eine wichtige Rolle spielt dabei ein “notorischer Wiederholungstäter”, über dessen Vorgeschichte Ratzinger nach Ansicht der Anwälte informiert war. Was dieser bestreitet. Die Anwälte halten die Aussage für unglaubwürdig, dass Herr Ratzinger nicht an einer Sitzung teilgenommen hat, in der es um die Aufnahme eines pädophilen Priesters ging. Dass überhaupt über eine solche Aufnahme diskutiert werden konnte, ist für Außenstehende schwer zu begreifen, während katholische Gemüter glauben, der Pfarrer darf das halt. Und alle sehen weg. Wer die ausgezeichneten Orte im Land der Ideen kennt, kann mit der Deutschlandkarte der Orte des Missbrauchs die Dimension dieser Kirchenpraxis erkennen. In einem treffenden Kommentar hinter einer Bezahlwand heißt es: “Der Skandal ist der einzige Teufel, der die Kirche wirklich schreckt.” Ob streng sein hilft, den Teufel zu vertreiben?

*** Es wird als “Plattform-Grundgesetz” gefeiert, was das EU-Parlament als “Digital Services Act” in dieser Woche verabschiedet hat. Doch nicht alle feiern mit beim “neuen Goldstandard”. Besonders “die Wirtschaft” hat Bedenken und erklärt, dass “wesentliche Kernfunktionen in der digitalen Wirtschaft” massiv beschädigt werden können. Besonders laut jammern die Verlegerverbände und betonen, dass die legal offline erscheinende Presse gegen Zensur großer Unternehmen wie Facebook geschützt werden muss. Noch lauter jammert es in der Zeitung für kluge Köpfe, die das Ende der Pressefreiheit kommen sieht. Bekanntlich war das früher einmal die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Das ist freilich auch schon etwas her und galt zu einer Zeit, in der die Umstellung auf Strom die reichen Leute nicht interessierte, da sie sich unangreifbar wähnten. Anders als die “Sendung mit der Maus”, die heute vor 50 Jahren erstmals unter dem Titel Die Sendung mit der Maus gesendet wurde, waren viele Verlage nicht in der Lage, sich den verändernden Zeiten anzupassen. Was zu einer guten Nachricht überleiten kann. So viele gibt es ja nicht in diesen rauen Zeiten. Zum ersten Mal seit 1953 hat das Flaggschiff des Axel Springer-Verlags weniger als 1 Million Exemplare im täglichen Abo- und Direktverkauf.

*** Natürlich war die Ankündigung von Microsoft, für 69 Milliarden US-Dollar den Spielelieferanten Activsion zu übernehmen, der Knaller der Woche. Er fiel mit der weniger schönen Nachricht von Sexismus-Ermittlungen bei Activision zusammen, die auch auf den Chef Robert Kotick abfärbten und seinen Abschied von der Firma leichter machen dürfen. Nach “Information at your fingertips” kommt jetzt “the joy and community of gaming to everyone, across every device”. Im Metaverse werden wir alle nur noch spielen, spielen, spielen, wie früher auf einer LAN-Party. Und Clippy bzw. Karl Klammer wird ein flexibler und hilfsbereiter Partner in allen Kontexten sein.

*** Es ist ein Teuchnikskreis, der da für uns aufgezogen wird, wie das “Bureau of linguitsical Reality” erkannte. Mit grausamen Spielen: “Heute Nacht heulen die Sirenen und die Brände wüten tief unten im Tal. Da ist ein Mann im Schatten, mit Augen wie ein Pistolenlauf, und einer hell scheinenden Klinge”, heißt es hier. Da hört man doch lieber das Orginal vom Hackbraten, der sich aus dem Mettversum verabschiedet hat. Mach’s gut, alter Heldentenor.

Die Farce geht weiter: Am kommenden Montag entscheidet der High Court in London, ob die Anwälte von Julian Assange überhaupt berechtigt sind, einen Berufungsantrag zu stellen. Derweil passieren andere Seltsamkeiten. Vorbild in der Causa Assange ist bekanntlich der Fall von Lauri Love, der nicht an die USA ausgeliefert wurde. Glaubt man Barrett Brown, einem weiteren hackenden Whistleblower (der seine Strafe verbüßt hat), so wurden die Bankverbindungen von Lauri Love auf Drängen eines Geheimdienstes gesperrt. Vielleicht sind das alles keine Seltsamkeiten, sondern nur Einbildung eines kranken Gehirns. Wir wissen einfach zu wenig über Gehirne. Seit Computer.Gehirn hat sich viel getan.

(bme)

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