Tennis Immer Ärger um Novak Djokovic: Von Kriegsverbrechern, Schwurblern

Tennis Immer Ärger um Novak Djokovic: Von Kriegsverbrechern, Schwurblern

Tennis

Einer der größten Tennisspieler aller Zeiten sorgt für ein australisches Fiasko. Warum? Im Kriegsgebiet aufgewachsen, verrennt sich Novak Djokovic heute in Einflüssen von serbischen Nationalisten und quasi-wissenschaftlichen Schwurblern. Dabei will er nur Zuneigung und Liebe.

Als Roger Federer den Platz betritt, brandet Jubel auf im Publikum. Fast jede Ballberührung des Altmeisters sorgt für Bewunderung. Seine Punkte werden frenetisch beklatscht, Aaahs und Ooohs sind zu hören. Beim Gegner läuft es andersherum. Applaus gibt es für seine Fehler und Schmährufe finden immer wieder ihren Weg auf den Centre Court.

Wimbledon 2019. Federers Gegenüber heißt Novak Djokovic. Er besiegt den Schweizer an diesem Tag in einem monumentalen Finale, in dem er sogar Matchbälle abwehrt. Und doch, dafür steht das Endspiel 2019 sinnbildlich, ist es der Altmeister, dem stets die größten Sympathien zufliegen. Liebe und Zuneigung, die Djokovic nie auf diese Art und Weise von den Fans erhält und für die er oft ein wenig eifersüchtig auf Federer und Rafael Nadal schaut.

Zeit seiner Karriere zeigt sich Djokovic immer wieder sichtbar verletzt vom Liebesentzug des Publikums. Werden der Schweizer und der Spanier schon einfach für ihre Präsenz bejubelt, muss der Serbe die Zuschauer selbst nach atemberaubenden Ballwechseln mit Gesten zum Anfeuern bewegen. Also beschließt er, der Beste zu werden. Der 34-Jährige ist der Weltranglistenerste der Tenniswelt, sieben Saisons beendete er auf dem Platz an der Sonne. So viele wie niemand vor ihm. Er ist ohne Frage der beste Spieler der vergangenen Jahre. Einer der Größten aller Zeiten. Wohl der beste Returnspieler jemals.

Tennis “Er ist nicht jedermanns Sache”

Auf der Suche nach Anerkennung und Liebe tut Djokovic alles, um seinen 21. Grand-Slam-Titel zu gewinnen. Mit diesem Rekordsieg wäre er endgültig allein in den Geschichtsbüchern verewigt und hätte Federer übertrumpft. Das würde dem leidenschaftlichen und sensiblen Serben Genugtuung verschaffen, besonders, nachdem er im vergangenen Jahr knapp den Golden Slam samt Olympia-Goldmedaille verpasst hat. Und das ist auch einer der Gründe, warum er unbedingt an den Australian Open teilnehmen wollte – und so lange sein Visum-Fiasko ertrug, zwei Wochen dauerte das Spektakel an, bis ein Gericht ihn letztendlich aus dem Land warf.

Sich gegen Corona impfen zu lassen, wäre freilich einfacher gewesen. Dann hätte Djokovic am Montag bei dem Grand-Slam-Turnier aufschlagen können. Doch der Serbe ist Zeit seiner Karriere schon immer ein genauso guter wie unglaublich polarisierender Tennisspieler gewesen. Lange bevor er sich gegen die Covid-Impfung ausspricht, macht er sich fast noch als Tour-Neuling bei seinen Kollegen nicht gerade beliebt, weil er sie und ihre Gestik, Mimik und Ticks auf dem Platz nachäfft. Das bringt ihm den Spitznamen “Joker” ein (“joke” bedeutet Witz/Scherz auf Englisch). “Er ist nicht jedermanns Sache”, sagt sein ehemaliger Trainer Boris Becker einmal über ihn.

Doch Djokovic, der wie kein zweiter Tennisprofi auf seine Ernährung, Regeneration und Fitness achtet, polarisiert nicht nur, weil er sich auf dem Court mal mit den Unparteiischen oder Balljungen und -mädchen anlegt (Federer und Nadal werden auch wegen ihrer Besonnenheit geliebt). Weil sein Ärger ihn manchmal seine Kontrolle über sich selbst verlieren lässt, so wie als er 2020 bei den US Open einen Ball gefrustet und entnervt mit voller Wucht wegdrischt und dabei eine Linienrichterin am Kopf verletzt. Oder, weil er es in den Augen seiner Gegner gerne mal mit der zur Schaustellung von Verletzungen übertreibt.

Tennis Djokovic und die Quasi-Wissenschaft

Nein, Djokovic eckt an. Mit Themen, die wichtiger sind als die gelbe Filzkugel. Auch deshalb liebt ihn mancher Tennisfan trotz seines Erfolgs und seiner Brillanz auf dem Platz nicht bedingungslos. Im April 2020 spricht der Serbe sich erstmals öffentlich gegen eine Corona-Impfung aus. Er fügt später hinzu, dass er nicht gegen alle Impfungen sei, doch über den eigenen Impfstatus will das Vorbild für Millionen von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen weltweit bis heute keine Auskunft geben.

Dass er sich über die Gefahren der Corona-Pandemie kaum bewusst ist – oder sie ihm egal sind – , zeigt er im Sommer 2020, als er eine Adria-Tennis-Tour mit Tausenden Fans organisiert, während sich der gesamte Tenniszirkus im Lockdown befindet. Unter anderem auch mit Alexander Zverev treiben sich die Tennisstars in Nachtklubs herum, bis der bulgarische Spieler Gregor Dimitrov positiv getestet und die Tour abgebrochen wird. Auch Djokovic und seine Frau Jelena sind kurz darauf infiziert.

Ohnehin entpuppt sich der Weltranglistenerste über die Jahre mehr und mehr zum Wissenschaftsskeptiker und Schwurbler. Der bekennende Veganer versucht, so natürlich wie möglich zu leben. Einmal erklärt er, er sei davon überzeugt, dass der menschliche “Körper ein Selbstheilungsmechanismus” sei. Des Weiteren glaubt er, “einige Menschen” könnten mit “Gebet” und “Dankbarkeit” “die giftigsten Lebensmittel oder das vielleicht am stärksten verschmutzte Wasser in heilendes Wasser verwandeln” und Moleküle im Wasser würde auf menschliche Emotionen reagieren.

Letztlich wird er durch das Impf-und-Visum-Fiasko – gewollt oder ungewollt – zum Posterboy der Impfgegner weltweit. Zumindest nimmt er die Entwicklung willentlich in Kauf. Obwohl Djokovic natürlich viele Seiten hat, darunter auch eine sehr barmherzige. Nachdem sich Corona im März 2020 in Serbien ausbreitet, kauft er für eine Million Euro Beatmungsgeräten und medizinische Ausrüstung. Auch für Bergamo, die damals am schlimmsten betroffene italienische Region, spendet er. Ohnehin engagiert sich der Serbe, der sich 1999 bei der elfwöchigen Bombardierung seines Landes durch die NATO verstecken musste, mit seiner 2007 ins Leben gerufenen Stiftung massiv, unterstützt weltweit Kinder und baut Schulen. Vor allem in seiner kriegsgebeutelten Heimat.

Tennis Nationalistische Kumpanen

Doch, dass Geld nicht alles ist und gutmacht, zeigt sein Umgang. Im September geraten Fotos an die Öffentlichkeit, die Djokovic am Kaffeetisch an der Seite des serbischen Nationalisten Milan Jolovic zeigen. Eines ehemaligen Kommandeurs der berüchtigten paramilitärischen Einheit Drina-Wölfe, die am Völkermord an den Bosniaken in Srebrenica beteiligt war. Viele Serben rechnen Jolovic noch heute hoch an, dass er dem verurteilten Kriegsverbrecher Ratko Mladic während des Krieges in Bosnien Anfang der 1990er-Jahre das Leben rettete.

Kurz zuvor trällert Djokovic auf einer Hochzeit in Bosnien gemeinsam mit dem serbischen Mitglied des bosnisch-herzegowinischen Staatspräsidiums, Milorad Dodik, ein paar Lieder am Mikrofon. Dodik ist ein bekannter Völkermordleugner, der regelmäßig für die Abspaltung der serbisch geführten Entität Republika Srpska von Bosnien eintritt. Von Dodik und Srpska nimmt Djokovic 2020 auch einen Preis an, den vorher schon die Kriegsverbrecher Mladic und Radovan Karadzic oder der nationalistische Präsident Slobodan Milosevic erhalten haben.

Im Dezember 2020 posiert der Tennisstar mit einem Schnaps, der den Namen und das Konterfei des ehemaligen serbischen Nationalistenführers Dragoljub Mihailovic trägt. Dieser kämpfte im Zweiten Weltkrieg für ein “ethnisch reines” Serbien und gilt heute für serbische Rechtsextreme als Held und in Kroatien, Albanien, Bosnien und Herzegowina als Kriegsverbrecher. Zwar spricht sich Djokovic immer wieder aktiv für die Versöhnung von Serben und Kroaten aus, doch sein Vater und er unterstützen ebenso serbische Hardliner-Positionen gegen die Unabhängigkeit des Kosovo. Der Tennisstar sagt 2008 nach seinem Triumph bei den Australian Open: “Wir sind bereit, das zu verteidigen, was uns rechtmäßig gehört. Kosovo ist Serbien.”

Tennis Tennis allein reicht für die Liebe

Es ist möglich, dass der Krieg in seiner Heimat und die dadurch mangelhafte geschichtliche und wissenschaftliche Ausbildung – ab den Jugendjahren verbringt er schließlich auch mehr Zeit auf dem Tennisplatz als auf der Schulbank – Djokovic anfällig gemacht haben. Für krude Schwurbeleien, Quasi-Wissenschaft und emotionale, nationalistische Ansichten. Die Kriegshistorie wird auch einen Grund in seiner beständigen Suche nach Zuneigung und Liebe spielen.

Zweifelhafte Einflüsse und Ansichten pflastern den Weg der Tennis-Ikone, die ihn in Australien festsitzen und ein Fiasko erleben ließen, das ihr durchaus längerfristig schaden könnte. Dabei wäre Novak Djokovic, der trotzdem die Nummer eins der Welt bleibt, ganz allein durch seinen unglaublichen Umgang mit der gelben Filzkugel schon genug Liebe zugeflogen. Roger Federer hin oder her.

Read More

Leave a Reply

Your email address will not be published.